Literatuurlijst Duits, aanvulling 2018-2019


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Ellbogen

Fatma Aydemur
D18-01
Hanser Verlag, Roman, 2017, 272 Seiten

Sie ist siebzehn und in Berlin geboren. Sie heißt Hazal Akgündüz. Eigentlich könnte aus ihr eine gewöhnliche Erwachsene werden. Nur dass ihre aus der Türkei eingewanderten Eltern sich in Deutschland fremd fühlen. Und dass Hazal auf ihrer Suche nach Heimat fatale Fehler begeht. Erst ist es nur ein geklauter Lippenstift. Dann stumpfe Gewalt. Als die Polizei hinter ihr her ist, flieht Hazal nach Istanbul, wo sie noch nie zuvor war. Warmherzig und wild erzählt Fatma Aydemir von den vielen Menschen, die zwischen den Kulturen und Nationen leben, und von ihrer Suche nach einem Platz in der Welt. Fatma Aydemir ist eine deutsche Autorin mit türkischen Wurzeln. In Ellbogen, ihr Debutroman, versucht sie deutlich zu machen welche fatale Folgen es hat, wenn Integration nur halbwegs gelingt und in der multikulturellen Gesellschaft Toleranz und gegenseitiger Respekt Mangelware sind.

Das achte Leben (Für Brilka)

Nino Haratischwili
D18-02
Frankfurter Verlagsanstalt, Roman, 2014, 1280 S.

Georgien, 1900: Mit der Geburt Stasias, Tochter eines angesehenen Schokoladenfabrikanten, beginnt dieses berauschende Opus über sechs Generationen. Stasia wächst in der wohlhabenden Oberschicht auf und heiratet jung den Weißgardisten Simon Jaschi, der am Vorabend der Oktoberrevolution nach Petrograd versetzt wird, weit weg von seiner Frau. Als Stalin an die Macht kommt, sucht Stasia mit ihren beiden Kindern Kitty und Kostja in Tbilissi Schutz bei ihrer Schwester Christine, die bekannt ist für ihre atemraubende Schönheit. Doch als der Geheimdienstler Lawrenti Beria auf sie aufmerksam wird, hat das fatale Folgen. Deutschland, 2005: Nach dem Fall der Mauer und der Auflösung der UdSSR herrscht in Georgien Bürgerkrieg. Niza, Stasias hochintelligente Urenkelin, hat mit ihrer Familie gebrochen und ist nach Berlin ausgewandert. Als ihre zwölfjährige Nichte Brilka nach einer Reise in den Westen nicht mehr nach Tbilissi zurückkehren möchte, spürt Niza sie auf. Ihr wird sie die ganze Geschichte erzählen. Das achte Leben (Für Brilka) ist ein epochales Werk der auf Deutsch schreibenden, aus Georgien stammenden Autorin Nino Haratischwili Ein Epos mit klassischer Wucht und großer Welthaltigkeit, ein mitreißender Familienroman, der mit hoher Emotionalität über die Spanne des 20. Jahrhunderts bildhaft und eindringlich berichtet. Beim Lesen wird man völlig hingerissen. Die vielen Seiten wollen gelesen werden!.

Die Wand

Marlen Haushofer
D18-03
Verlag List, Roman, 1963, 288 Seiten

Eine Frau will mit ihrer Kusine und deren Mann ein paar Tage in einem Jagdhaus in den Bergen verbringen. Nach der Ankunft unternimmt das Paar noch einen Gang ins nächste Dorf und kehrt nicht mehr zurück. Am nächsten Morgen stößt die Frau auf eine unüberwindbare Wand, hinter der Totenstarre herrscht. Nach dem ersten Erstaunen pflanzt sie Kartoffeln aus, geht auf die Jagd, macht Heu. Aber sie ringt auch mit ihren Ängsten und baut Beziehungen zu den Tieren auf, um der Einsamkeit zu entgehen. Praktisch und nüchtern werden 2 Jahre aus diesem Leben erzählt. In den achtziger Jahren wurde es ein Kultbuch in der Frauenbewegung und der Friedensbewegung. 2004 präsentierte Elke Heidenreich das Buch im Fernsehen und die Verkaufszahlen kletterten noch einmal, bis es 2012 von Julian Pölsler verfilmt wurde.

Uhren gibt es nicht mehr - Gespräche mit meiner Mutter in ihrem 102. Lebensjahr

André Heller
D18-04
Paul Zsolnay Verlag, 2017, 112 Seiten

( Biografien & Erinnerungen an Österreich ) Worauf kommt es an im Leben? 102 Jahre alt ist Elisabeth Heller, und langsam, so sagt sie in den Gesprächen, die sie mit ihrem Sohn André in den vergangenen Monaten geführt hat, geht es ans Verabschieden. "Innerlich sieht man sich noch jung und freut sich auf den nächsten Tag", sagt die alte Dame, die geboren wurde, als der Erste Weltkrieg gerade ausgebrochen war, und die mit gerade 19 den doppelt so alten, aber einige Zentmeter kleineren Süßwarenfabrikanten Stephan Heller heiratete. Einen konvertierten Juden. Ein anderes Mal wünscht sie sich, "dass das Körperwerkl in Gottesnamen auslaufen soll" und erzählt dann munter über einen Selbstmordversuch aus Liebe und über Lehár am Klavier in Bad Ischl. Ein kleines Buch von großer Weisheit, würdevoll, poetisch, komisch. Und gleichzeitig das Dokument einer späten Liebe und großer Offenheit zwischen Mutter und Sohn. Ein herrlich kurzweiliges, ein "leichtes Stück Literatur" und doch voller Ehrlichkeit und natürlicher Weisheit.

Keinland ; Ein Liebesroman

Jana Hensel
D18-05
Verlag Wallenstein, Roman, 2017, 196 Seiten

Eigentlich hatte Nadja nur ein Interview mit Martin Stern führen wollen, aber von der ersten Sekunde an ist da eine schwer erklärbare Nähe - eine Fremdheit. Woher rührt diese Nähe? Warum ist diese Fremdheit so schwer zu überwinden? Nadja sagt ja zu dieser Liebe, an die Martin nicht recht glauben kann. Martin, der als Jude in Frankfurt am Main aufgewachsen ist und nun in Tel Aviv lebt. Zu vieles liegt zwischen ihnen: biographische Erfahrungen, geographische Entfernung, die Familiengeschichte. Jana Hensel lotet in kunstvollen Zeitsprüngen und Erinnerungen an Tage in Berlin und Nächte in Tel Aviv, an tiefe Innigkeit und scheiternde Gespräche die Grenzen zwischen zwei Liebenden aus. Dabei umkreist sie mit großer sprachlicher Kraft und Intensität unsere Auffassung von Heimat, Geschichte und Schicksal und stellt die Frage, wie weit die Vergangenheit unser Leben bestimmt. Eine Liebesgeschichte voller Höhen und Tiefen. Keinland« ist ein Liebesroman, mit Erinnerung an Herkunft und Grenzen.

Tyll

Daniel Kehlmann
D18-06
Rowohlt, Roman, 2017, 480 Seiten

Tyll, der neue Roman des Daniel Kehlmann ist ein großer Roman über eine aus den Fugen geratene Welt, über die Verwüstungen durch den Krieg únd die Macht der Kunst. Auf seinen Wegen durch das vom Dreißigjährigen Krieg verheerte Land begegnet Tyll -Seiltänzer und Jongleur, der eines Tages beschlossen hat, niemals zu sterben - vielen kleinen Leuten und einigen der sogenannten Großen. Ihre Schicksale verbinden sich zu einem Zeitgewebe, zum Epos vom Dreißigjährigen Krieg. Kehlmanns Tyll lebt während einer grausamen Zeit. Er schreibt darüber ein wunderbares, vielschichtiges Buch, in dem Erfundenes und geschichtliche Wahrheit gekonnt gemischt werden; schreckliche Geschichten aus einer schrecklichen Zeit in einer klaren Sprache. Ein begabter Erzähler, der brillant für jede Figur eigene Denkräume und Stile entwickelt und dessen Meisterschaft schon mit der "Vermessung der Welt", dem nach Patrick Süskinds "Parfüm" meistverkauften deutschen Roman, unter Beweis gestellt wurde.

Kind aller Länder

Irmgard Keun
D18-07
List Taschenbuch, 1938, 211 Seiten

Kully ist erst zehn, aber sie kennt schon Wien, Warschau, Prag und Paris, denn ihre Eltern sind auf der Flucht vor den Nazis. Durch ihre Augen erfahren wir das Leben im Exil. Jeder neue Tag ist ein Kampf ums Dasein. Der Vater steckt als verschwendungssüchtiger Schriftsteller fortwährend in Geldnöten. Seine Werke sind in Deutschland von den Nazis verboten. Oft verlässt er die Familie um irgendwo (oft in anderen Städten und sogar in anderen Ländern) bei ausländischen Verlegern oder bei Freunden Geld zu beschaffen. Dauernd ist er auf der Suche nach Bargeld. Kully weiß, wie schlimm es ist, keinen Pass und kein Geld zu haben, aber sie gehört nicht zu den Menschen, die sich entmutigen lassen. Aus der Perspektive dieses jungen Mädchens wird uns einen Einblick in das Leben der Emigranten geboten. Das Werk ist 1938 erstmals in Amsterdam erschienen. Es gibt zudem ein Porträt des Paares, das Irmgard Keun und Joseph Roth einmal waren, und das im Buch Ostende. 1936, Sommer der Freundschaft von Volker Weidermann eine wichtige Rolle spielt. Durch die Augen eines jungen Mädchens wird auf sehr humoristische Weise das Leben im Exil beschrieben. Vater und Mutter sind leicht als Irmgard Keun und Joseph Roth zu erkennen.

Der Überläufer

Siegfried Lenz
D18-08
Verlag Hoffmann und Campe, Roman, 2016, 368 Seiten

Ein Roman von Siegfried Lenz erscheint mit 65 Jahren Verspätung. 1951 geschrieben, ist "Der Überläufer" Siegfried Lenz’ zweiter Roman. Obgleich vollendet und vom Autor mehrfach überarbeitet, blieb er bis heute unveröffentlicht. Es ist der letzte Kriegssommer, die Nachrichten von der Ostfront sind schlecht. Der junge Soldat Walter Proska aus dem masurischen Lyck wird einer kleinen Einheit zugeteilt, die eine Bahnlinie sichern soll und sich in einer Waldfestung verschanzt hat und. Bei sengender Hitze und zermürbt durch stetige Angriffe von Mückenschwärmen und Partisanen, aufgegeben von den eigenen Truppen, werden die Befehle des kommandierenden Unteroffiziers zunehmend menschenverachtend und sinnlos. Die Soldaten versuchen sich abzukapseln und Proska stellt sich dringliche Fragen: Was ist wichtiger, Pflicht oder Gewissen? Wer ist der wahre Feind? Kann man handeln, ohne schuldig zu werden? Es handelt sich um ein frühes Werk des Schriftstellers, der mit seinen Themen und Aussagen schon mehrere Generationen von Lesern berührt hat. Lenz verstand es, menschliche Schicksale mit gesellschaftlichen Fragen zu verknüpfen..

Kraft

Jonas Lüscher
D18-09
Verlag C.H. Beck, Roman, 2017, 237 Seiten

Richard Kraft, Rhetorikprofessor in Tübingen, unglücklich verheiratet und finanziell gebeutelt, hat womöglich einen Ausweg aus seiner Misere gefunden. Sein alter Weggefährte István, Professor an der Stanford University, lädt ihn zur Teilnahme an einer wissenschaftlichen Preisfrage ins Silicon Valley ein. Kraft soll in einem 18-¬minütigen Vortrag begründen, weshalb alles, was ist, gut ist und wir es dennoch verbessern können. Für die beste Antwort ist eine Million Dollar ausgelobt. Damit könnte Kraft sich von seiner anspruchsvollen Frau endlich freikaufen. Komisch, furios und böse wird in diesem klugen Roman von einem Mann erzählt, der vor den Trümmern seines Lebens steht, und einer zu jedem Tabubruch bereiten Machtelite, die scheinbar nichts und niemand aufhalten kann. Der Schweizer Autor Jonas Lüscher hat mit ´Kraft` einen Roman abgeliefert, der nicht nur gut geschrieben ist, sondern auch klug und manchmal komisch ist. In dem Roman, der einen ironischen Erzählton hat, rechnet Lüscher mit dem Neoliberalismus ab.

Die Hauptstadt

Robert Menasse
D18-10
Suhrkamp, Roman, 2017, 459 Seiten

Eine Beamtin soll eine Idee entwickeln um das Image der Kommission aufzupolieren. Die Idee nimmt Gestalt an, die für Unruhe in den EU-Institutionen sorgt. David de Vriend, gerettet vom Zug, der seine Eltern in den Tod führte, soll bezeugen, was er im Begriff ist zu vergessen. Kommissar Brunfaut muss aus politischen Gründen einen Mordfall auf sich beruhen lassen und Professor Alois Erhart soll in vor den Denkbeauftragten aller Länder Worte sprechen, die seine letzten sein könnten. Robert Menasse spannt einen weiten Bogen zwischen den Zeiten, den Nationen, zwischen kleinlicher Bürokratie und großen Gefühlen. In Brüssel, Zentralstelle der Eurokratie, laufen alle Fäden zusammen,- und ein Schwein durch die Straßen. Selber fragte sich der Autor: kann man überhaupt EU erzählen? Ja, man kann. Menasse schildert anhand einer Vielzahl an Erzählsträngen und Figuren, die in Ränkespiele hineingeraten, mit den Ellbogen arbeiten und ihre Einzelinteressen zu währen versuchen- ein Panorama der europäischen Eliten. Es wurde ein mit Witz erzählter ironischer Gesellschaftsroman mit Krimielementen. Deutscher Buchpreis 2017

Der weisse Freitag: Erzählung vom Entgegenkommen

Adolf Muschg
D18-11
Verlag C.H. Beck, Roman, 2017, 251 Seiten

Goethes zweite Schweizer Reise 1779 hätte gut die letzte des damals Dreißigjährigen sein können, und der "Werther" sein einziges bekanntes Werk. Denn das Risiko einer neunstündigen Fußwanderung über die Furka im November durch Neuschnee war unberechenbar. Aber der frisch ernannte Geheimrat hatte es auf den kürzesten Weg zu seinem heiligen Berg, dem Gotthard, abgesehen, seinen acht Jahre jüngeren Landesfürsten Carl August mitgenommen und alle Warnungen in den Wind geschlagen. Adolf Muschg liest diesen 12. November, den "weißen Freitag", die Wette Goethes mit seinem Schicksal, als Gegenstück zu Fausts Teufelswette und zugleich als Kommentar zum eigenen Fall eines gealterten Mannes, der mit einer Krebsdiagnose konfrontiert ist. Als Zeitgenosse weltweiter Flucht und Vertreibung und einer immer dichteren elektronischen Verwaltung des Lebens findet er gute Gründe, nach Vorhersagen, Warnungen und Versprechen in einer Geschichte zu suchen, die gar nicht vergangen ist. Muschg hat mit dieser Doppelbelichtung zweier Reisen sein persönlichstes Buch geschrieben und sich ihrem bei aller Verschiedenheit gemeinsamen Grund genähert, den man nur im Erzählen ahnt - mit immer noch offenem Ende und doch im Wissen um die Endlichkeit, die nicht zu überschreiten ist.

Ausser sich

Sascha Mariianna Salzmann
D18-12
Suhrkamp Verlag Berlin, Roman, 2017, 366 Seiten

Debütroman. Intensiv, kompromisslos und im besten Sinn politisch. Die Zwillinge Alissa und Anton leben anfangs im Moskau der postsowjetischen Jahre. Später, in der westdeutschen Provinz, streunen sie durch die Flure des Asylheims, stehlen Zigaretten aus den Zimmern fremder Familien und riechen an deren Parfumflaschen. Und noch später, als Alissa schon ihr Mathematikstudium in Berlin geschmissen hat, weil es sie vom Boxtraining abhält, verschwindet Anton spurlos. Irgendwann kommt eine Postkarte aus Istanbul. In der zerrissenen Stadt am Bosporus und in der eigenen Familiengeschichte macht sich Alissa auf die Suche - nach dem verschollenen Bruder, aber vor allem nach einem Gefühl von Zugehörigkeit jenseits von Vaterland, Muttersprache oder Geschlecht. Wer sagt dir, wer du bist? Davon und von der unstillbaren Sehnsucht nach dem Leben selbst und seiner herausfordernden Grenzenlosigkeit wird hier erzählt. "... es sind vor allem die Verdichtung, die lebendige Sprache und der liebevolle Blick auf die Generationen und die Geschichte selbst ".

Peter Holtz: Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst

Ingo Schulze
D18-13
S. Fischer Verlag, Roman, 2017, 576 Seiten

Vom Waisenkind zum Millionär - wie konnte das so schiefgehen? Holtz will das Glück für alle. Schon als Kind praktiziert er die Abschaffung des Geldes, erfindet den Punk aus dem Geist des Arbeiterliedes und bekehrt sich zum Christentum. Als CDU-Mitglied (Ost) kämpft er für eine christlich-kommunistische Demokratie. Doch er wundert sich: Der Lauf der Welt widerspricht aller Logik. Seine Selbstlosigkeit belohnt die Marktwirtschaft mit Reichtum. Hat er sich für das Falsche eingesetzt? Oder für das Richtige, aber auf dem falschen Weg? Und vor allem: Wie wird er das Geld mit Anstand wieder los? Peter Holtz nimmt die Verheißungen des Kapitalismus beim Wort. Mit Witz und Poesie lässt Ingo Schulze eine Figur erstehen, wie es sie noch nicht gab, wie wir sie aber heute brauchen: in Zeiten, in denen die Welt sich auf den Kopf stellt. Diese Geschichte spielt zwischen 1974 und 1998. Der Held erlebt die Proteste in der DDR, den Mauerfall und die Einigung und erzählt in der Jetztzeit. Aus dieser Perspektive heraus kann er nicht die ganze Handlung überblicken. Was ihm widerfährt, lesen wir gleichzeitig - so scheint es. Auch dadurch wird dieser Schelmenroman zu einem einzigartigen Lesevergnügen.

Die Zeit, die Zeit

Martin Suter
D18-14
Diogenes Verlag Ag, Roman, 2013, 304 Seiten

Ist es verrückt, wenn einer glaubt, die Zeit lasse sich "zurückdrehen"? Es ist verrückt, denkt Peter Taler anfangs, als er das Vorhaben des alten Knupp begreift, der ihm gegenüber wohnt. Denn der möchte etwas denkbar Unmögliches möglich machen. Anfangs begreift Peter Taler nur, dass im Haus gegenüber, in dem der achtzigjährige Knupp wohnt, sonderbare Dinge vor sich gehen. Er beginnt zu beobachten und mit der Kamera festzuhalten - und merkt erst spät, dass er seinerseits beobachtet wird und längst in die Geschehnisse auf der anderen Seite der Straße verstrickt ist. Der alte Knupp, der vor zwanzig Jahren seine Frau verloren hat, ist davon überzeugt, dass man nicht wie Orpheus ins Totenreich hinabsteigen muss, um einen geliebten Menschen wiederzufinden. Denn er hat eine Theorie und kann sich dabei sogar auf berühmte Leute berufen. Allerdings ist deren Umsetzung nicht einfach. Um nicht zu sagen - schier unmöglich. Taler soll ihm dabei helfen. "Ein Roman, der zum Denken anregt und unsere Welt für einen Moment auf den Kopf stellt. "Die Zeit, die Zeit" ist ein absolutes Muss für alle Suter-Fans und die, die es werden wollen. " - Nicole Abraham, Hessischer Rundfunk, 29. August 2012

Ostende 1936, Sommer der Freundschaft

Volker Weidermann
D18-15
Kiepenheuer und Witsch, Roman, 2017, 160 Seiten

Stefan Zweig reist mit seiner Geliebten Lotte an, Joseph Roth kommt trotz Schnapsverbot, um Ferien mit seinem besten Freund zu machen und zu schreiben. Er verliebt sich ein letztes Mal: in Irmgard Keun, die bloß wegwollte aus dem Land der Bücherverbrenner. So sonderbar die Freundschaft zwischen dem Millionär Zweig und dem begnadeten Trinker Roth ist, so überraschend ist die Liebe zwischen Roth und der jungen, leidenschaftlichen Keun. Es kommen noch mehr Schriftsteller nach Ostende. Sonne, Meer, Getränke - es könnte ein Urlaub unter Freunden sein. Wenn sich die politische Lage nicht täglich zuspitzte, wenn sie nicht alle verfolgt würden, ihre Bücher nicht verboten wären, wenn sie nicht ihre Heimat verloren hätten. Es sind Dichter auf der Flucht, Schriftsteller im Exil. Präzise, kenntnisreich und mitreißend erzählt Volker Weidermann von diesem Sommer ,,in dem Zweig, Roth und Keun noch einmal das Leben feiern, wie es nur die Verzweifelten können ". Man bekommt einen guten Einblick in das komplizierte und schwierige Leben der Schriftsteller im Exil. In `Kind aller Länder` von Irmgard Keun (D18-07) wird dieses Leben weiter ausgearbeitet, vertieft.

Vom Ende der Einsamkeit

Benedict Wells
D18-16
Diogenes Verlag Ag, Roman, 2016, 368 Seiten

Jules und seine Geschwister Marty und Liz sind grundverschieden, doch ein tragisches Ereignis prägt alle drei: Behütet aufgewachsen, haben sie als Kinder ihre Eltern durch einen Unfall verloren. Obwohl sie auf dasselbe Internat kommen, geht jeder seinen eigenen Weg, sie werden sich fremd und verlieren einander aus den Augen. Vor allem der einst so selbstbewusste Jules zieht sich immer mehr in seine Traumwelten zurück. Nur mit der geheimnisvollen Alva schließt er Freundschaft, doch erst Jahre später wird er begreifen, was sie ihm bedeutet - und was sie ihm immer verschwiegen hat. Als Erwachsener begegnet er Alva wieder. Es sieht so aus, als könnten sie die verlorene Zeit zurückgewinnen, doch dann holt sie die Vergangenheit wieder ein. Der junge, bescheidene Autor hat mit diesem Buch einen sorgfältig aufgebauten und sprachlich wunderschönen, berührenden Roman geschrieben.

Sie kam aus Mariupol

Natascha Wodin
D18-17
Rowohlt, Roman, 2017, 368 Seiten

Sie kam aus Mariupol ist das außergewöhnliche Buch einer Spurensuche. Natascha Wodin geht dem Leben ihrer ukrainischen Mutter nach, die aus der Hafenstadt Mariupol stammte und mit ihrem Mann 1943 als "Ostarbeiterin" nach Deutschland verschleppt wurde. Sie erzählt beklemmend, ja bestürzend intensiv vom Anhängsel des Holocaust, einer Fußnote der Geschichte: der Zwangsarbeit im Dritten Reich. Ihre Mutter, die als junges Mädchen den Untergang ihrer Adelsfamilie im stalinistischen Terror miterlebte, bevor sie mit ungewissem Ziel ein deutsches Schiff bestieg, tritt wie durch ein spätes Wunder aus der Anonymität heraus, bekommt ein Gesicht, das unvergesslich ist. "Meine arme, kleine, verrückt gewordene Mutter", kann Natascha Wodin nun zärtlich sagen, und auch für uns Leser wird begreifbar, was verlorenging. Dass es dieses bewegende, dunkel-leuchtende Zeugnis eines Schicksals gibt, das für Millionen anderer steht, ist ein literarisches Ereignis. Die Suche nach der Geschichte ihrer Mutter brachte Natascha Wodin einen Schatz an Informationen über ihre Familie, den sie zu einem interessanten und mitreißenden Roman verarbeitet hat.